Vogthaus
Das ehemalige Vogthaus in Neuss, gelegen am Münsterplatz 10–12, blickt auf eine über 400-jährige Geschichte zurück und ist eines der markantesten profanen Baudenkmäler der Stadt.
Vogt- und Dinghaus

Ursprung und Bau (1597)
Das Gebäude wurde im Jahr 1597 als Vogt- und Dinghaus „zu den Heiligen Drei Königen“ errichtet. In seiner ursprünglichen Funktion diente es als Amtssitz des Vogtes, der als landesherrlicher Beamter die Gerichtsbarkeit ausübte, und als Ort für Gerichtsversammlungen („Dinge“).
Historische Etappen und Nutzungswandel
Wohnhaus (ab 1810): Mit dem Ende der alten Verwaltungsstrukturen wurde das Gebäude ab 1810 primär als Wohnhaus genutzt.
Bankgebäude (ab 1927): Ein bedeutender Umbau erfolgte 1927. Das Haus wurde zum Büro- und Geschäftshaus für die Bank für Handwerk und Gewerbe (später die Volksbank) umgestaltet.
Brauhaus-Gastronomie (seit 1993): Nach dem Auszug der Volksbank im Jahr 1993 wurde das Gebäude in eine Gaststätte umgewandelt. Heute ist es als Brauhaus Vogthaus eine feste Institution am Münsterplatz.
Architektur und Besonderheiten
Das Vogthaus ist in der Denkmalliste der Stadt Neuss als Bürgerhaus eingetragen.
- Fassade: Das Gebäude zeichnet sich durch seine symmetrische Backsteinfassade mit einem leicht vorgezogenen Mittelrisalit aus. In der Mitte befindet sich die ehemalige, korbbogig überspannte Toreinfahrt.
- Schützenglockenspiel: Ein besonderes Highlight an der Außenfassade ist das Glockenspiel mit Figuren aus dem Neusser Bürger-Schützenwesen, das eine Brücke zur lokalen Tradition schlägt.
- Innenraum: Trotz zahlreicher Modernisierungen, wie etwa der Erneuerung der Elektro-Planung bei Pächterwechseln, wurde der historische Charakter des Hauses bewahrt

Das Haus steht heute als Symbol für die Verbindung von historischer Bausubstanz und moderner Nutzung in der Neusser Innenstadt.
Gerichtsbarkeit im alten Neuss
Die Gerichtsbarkeit im alten Neuss war über Jahrhunderte ein politisches Spannungsfeld zwischen der Stadtgemeinde und dem Erzbischof von Köln als Landesherrn. Das Vogthaus spielte dabei als Schauplatz und Symbol der landesherrlichen Macht eine zentrale Rolle.
Der Vogt: Repräsentant des Erzbischofs
Der Vogt war der ranghöchste Beamte des Kurfürsten und Erzbischofs von Köln in der Stadt. Seine Aufgaben umfassten:
Vorsitz im Gericht: Er leitete die Gerichtssitzungen, insbesondere bei schweren Vergehen (Blutgerichtsbarkeit).
Kontrolle der Schöffen: Der Vogt achtete darauf, dass die Gerichtsumfragen und Abstimmungen der Schöffen korrekt abliefen.
Politische Einflussnahme: Er fungierte als Bindeglied zur kurkölnischen Verwaltung und versuchte oft, die städtische Autonomie zugunsten des Landesherrn einzuschränken.
Das „Dinghaus“: Ort der öffentlichen Versammlung
Die Bezeichnung Dinghaus (von „Ding“ oder „Thing“) weist auf die mittelalterliche Rechtstradition hin:
- Gerichtsversammlungen: Im Dinghaus wurden öffentliche Gerichtsverhandlungen abgehalten, bei denen Recht gesprochen und Urteile verkündet wurden.
- Dingpflicht: Die Bürger waren teilweise verpflichtet, an diesen Versammlungen teilzunehmen, um die Rechtsfindung zu bezeugen.
Konflikte um die Autonomie
Besonders im 17. Jahrhundert kam es zu heftigen Auseinandersetzungen über die Befugnisse der Gerichtsbarkeit:
- Städtischer Rat vs. Vogt: Der Neusser Stadtrat wehrte sich häufig gegen die Einmischung des Vogtes in die Selbstverwaltung, etwa bei der Bürgermeisterwahl.
- Hexenprozesse als Politikum: Berühmte Fälle, wie der Prozess gegen Catharina Halffmans (1677), wurden vom Vogt genutzt, um seinen Anspruch als oberster Gerichtsherr zu zementieren, während der Rat versuchte, seine eigene Gerichtshoheit zu wahren.
Ende der alten Gerichtsbarkeit
Mit dem Einzug der französischen Truppen Ende des 18. Jahrhunderts und der anschließenden preußischen Verwaltung (ab 1815) wurden die alten Strukturen aufgelöst. Das Vogthaus verlor seine Funktion als Gerichtssitz und wurde 1810 zum Wohnhaus umgebaut.
