Stadtarchiv
Das Stadtarchiv Neuss ist in einem historisch bedeutenden Gebäudeensemble an der Oberstraße 15 untergebracht, das zwei völlig unterschiedliche Epochen der Stadtgeschichte vereint: ein klassizistisches Stadtpalais und ein industrielles Magazin.

Aufgaben und Bestände
Das Archiv sichert Dokumente, die für die Geschichte von Neuss von dauerhaftem Wert sind.
Amtliche Unterlagen: Dokumente von Rat und Verwaltung der Stadt Neuss.
Nicht-amtliche Bestände: Archive von Vereinen, Verbänden und Unternehmen sowie private Nachlässe und Sammlungen.
Themenbereiche: Die Bestände decken die Entstehung der Stadt, Familiengeschichte, Firmenjubiläen, Denkmalschutz und wissenschaftliche Forschungen ab.

Nutzung und Angebote
Das Archiv ist ein offenes Haus für alle, die zur Lokalgeschichte recherchieren möchten.
Recherche: Unterstützung bei schulischen Facharbeiten, Referaten, wissenschaftlichen Veröffentlichungen oder privaten Ahnenforschungen.
Digitale Angebote: Auf der Webseite werden historische Daten, Fakten und Hintergründe sowie Informationen zu Publikationen und Ausstellungen bereitgestellt.
Service: Informationen zu Öffnungszeiten und der Benutzung sind über das Serviceportal Neuss oder direkt beim Stadtarchiv abrufbar.
Bedeutung für die Stadtgeschichte
Das Stadtarchiv dokumentiert die Entwicklung von einer der ältesten Städte Deutschlands – von der Römerzeit über das Mittelalter bis zur Gegenwart. Es gibt regelmäßig Publikationen heraus und organisiert Ausstellungen, um die Neusser Geschichte lebendig zu halten.
Gebäudeensemble
Oberstraße 15 – zwei völlig unterschiedliche Epochen der Stadtgeschichte vereint zu einem Gebäudeensemble :
ein klassizistisches Stadtpalais und ein industrielles Magazin.
Das klassizistische Stadtpalais (Vorderhaus)
Das repräsentative Hauptgebäude dient heute für die Verwaltung, den Lesesaal sowie Ausstellungsräume.
- Historie: Es wurde 1778 vom Bürgermeister und Posthalter Peter Joseph Nepes errichtet.
- Architektur: Der Entwurf stammt vom Architekten Peter Leydel. Es handelt sich um ein klassizistisches Stadtpalais mit einer sieben Achsen breiten, verputzten Fassade und einem Mittelrisalit.
- Frühere Nutzung: Bis 1834 beherbergte es die Thurn- und Taxis’sche Posthalterei. Im hinteren Teil befanden sich früher Stallungen für den Pferdewechsel der Postkutschen.
- Besonderheit: Unter dem Gebäude befindet sich ein gut erhaltener Gewölbekeller, der heute als „Kulturkeller“ für Veranstaltungen genutzt wird.
Geschichte des Stadtpalais
Die Geschichte der Thurn- und Taxis’schen Posthalterei in Neuss ist eng mit dem heutigen Stadtarchiv an der Oberstraße 15 und der einflussreichen Neusser Familie Nepes verbunden.
Die Rolle der Familie Nepes in Neuss
- Peter Joseph Nepes: Er war eine zentrale Figur im Neuss des späten 18. Jahrhunderts. Nepes vereinte wichtige Ämter: Er war sowohl Bürgermeister von Neuss als auch der lokale Posthalter der Thurn- und Taxis’schen Post.
- Wohn- und Amtssitz: Das 1778 errichtete klassizistische Palais diente ihm nicht nur als repräsentativer Wohnsitz, sondern eben auch als offizielle Poststation.
Die Poststation als Infrastrukturknoten
- Pferdewechsel und Transport: Im rückwärtigen Bereich des Grundstücks (dort, wo heute das Archivmagazin steht) befanden sich früher Stallungen. Hier wurden die Pferde der Postkutschen gewechselt, Briefe sortiert und Passagiere für die Weiterreise aufgenommen.
- Lage: Das Gebäude wurde auf dem Gelände der ehemaligen Neusser Zitadelle (erbaut 1679–1686) errichtet, die nach deren Schleifung Platz für das prachtvolle Stadtpalais bot.
- Ende der Postära: Das Gebäude erfüllte seine Funktion als Poststation bis 1834. Danach änderte sich die Nutzung des Geländes radikal, als Mitte des 19. Jahrhunderts die industrielle Ära mit der Gründung der Kerzenfabrik Sels im Hofbereich begann.
Kurioses aus der Postgeschichte
Überfall: Im Jahr 1796 kam es zu einem spektakulären Einbruch in das Archivgebäude durch die berüchtigte Räuberbande des „Fetzer“ (Mathias Weber), was die Bedeutung des Hauses als Ort, an dem Wertsachen und wichtige Dokumente vermutet wurden, unterstreicht.

Das ehemalige Kerzenlager (Archivmagazin)
Direkt dahinter im Hof befindet sich das „Herzstück“ des Archivs, in dem die Bestände lagern.
- Industriearchitektur: Das Gebäude wurde 1909 als Lager für die Kerzenfabrik Overbeck (zuvor Gebrüder Sels) erbaut.
- Bauweise: Es ist ein früher Eisenbetonbau, was für die damalige Zeit eine moderne industrielle Bauweise darstellte.
- Denkmalschutz: Sowohl das Vorderhaus als auch das ehemalige Kerzenlager stehen unter Denkmalschutz.
Geschichte
Die ehemalige Kerzenfabrik am Standort des heutigen Stadtarchivs markiert den Übergang von der Post-Ära zur industriellen Blütezeit von Neuss.
Die Ära der Gebrüder Sels (ab 1851)
Nachdem das Gebäude an der Oberstraße 15 nicht mehr als Poststation genutzt wurde, hielt die Industrie Einzug:
- Gründung: Im Jahr 1851 errichteten die Gebrüder Sels hinter der ehemaligen Posthalterei ihre Stearinkerzen- und Lichterfabrik.
- Innovation: Die Fabrik war ein Zeichen des Fortschritts; die Brüder erhielten im Gründungsjahr eine Konzession für einen Dampfkessel, um die Produktion zu modernisieren.
- Standortvorteil: Die Fabrik nutzte die großzügige Fläche im rückwärtigen Bereich, auf der zuvor die Stallungen für den Pferdewechsel gestanden hatten.
Die Kerzenfabrik Overbeck (1906–1965)
Später übernahm ein anderes bekanntes Unternehmen das Gelände:
Architektur: Es handelt sich um einen frühen Eisenbetonbau, der heute unter Denkmalschutz steht und als Magazin für die Archivalien dient. Die massive Bauweise, die damals für die Lagerung von Kerzen und Rohstoffen (Stearin) notwendig war, bietet heute ideale statische Bedingungen für die schweren Archivregale.
Übernahme: Von 1906 bis 1965 war die Kerzenfabrik Overbeck (Overbeck & Sohn G.m.b.H.) an diesem Standort ansässig.
Bauliches Erbe: Das markanteste Relikt aus dieser Zeit ist das 1909 errichtete Kerzenlager im Hof.
Vom Industriebau zum „Schatzkästchen“
Im Jahr 1965 erwarb die Stadt Neuss das gesamte Gelände der stillgelegten Fabrik. Bereits zwei Jahre später, 1967, zog das Stadtarchiv ein, wobei das ehemalige Kerzenlager aufgrund seiner Stabilität und Größe zum Hauptmagazin umfunktioniert wurde.
Heutige Nutzung und Erweiterung
Nachdem das Rathaus im Zweiten Weltkrieg zerstört worden war, bezog das Archiv nach einigen Provisorien (u. a. im Obertor) im Jahr 1967 den heutigen Standort an der Oberstraße.
- Sanierung: Zwischen 1987 und 2009 wurden umfangreiche Sanierungen an Fassade, Dach und Magazin durchgeführt.
- Erweiterung: Da die Bestände stetig wachsen, wurde im Jahr 2024 mit einem Erweiterungsbau begonnen, um zusätzlichen Platz für das „Gedächtnis der Stadt“ zu schaffen.
