Neuss-Norf, gelegen an der Vellbrüggener Straße 29
Rathaus Norf
Das ehemalige Rathaus von Neuss-Norf, gelegen an der Vellbrüggener Straße 29, ist ein prägender Backsteinbau, der die administrative Geschichte der einst selbstständigen Gemeinde Norf widerspiegelt.
Bau und Architektur (ab 1913)
Das Gebäude wurde im Jahr 1913 fertiggestellt und bezogen, zu einer Zeit, als die Gemeinde Norf etwa 1.259 Einwohner zählte.
Baustil: Es handelt sich um einen repräsentativen, zweigeschossigen Bau aus unverputztem Backstein mit sechs Fensterachsen.
Dachkonstruktion: Das Walmdach verfügt über einen weiten Aufschiebling. Die Mittelachse wird durch ein vierachsiges Dachhaus mit einem markanten Dreiecksgiebel betont.
Glockenturm: Auf der Firstmitte thront ein achtseitiges, mit Schiefer gedecktes Glockentürmchen.
Eingangsbereich: Der Zugang erfolgt über eine zweiläufige Freitreppe, die zu einer Loggia mit darüberliegendem Balkon im Obergeschoss führt.

Historische Bedeutung und Ehrenmal
Vor dem Haupteingang befindet sich ein Ehrenmal, das 1924 eingeweiht wurde.

Das Ehrenmal als „Mahnmal“: Das 1924 vor dem Eingang errichtete Ehrenmal ist in seiner Darstellung (ein Soldat, der sich auf seinen Helm lehnt) für die damalige Zeit bemerkenswert, da es weniger heroisch, sondern eher nachdenklich wirkt. Die Inschrift wurde 1972 ergänzt, um auch der Opfer des Zweiten Weltkriegs zu gedenken.
Gestaltung: Es zeigt auf einem Steinsockel die Plastik eines Soldaten, der sich auf einen Helm lehnt.
Inschrift: Gewidmet den Opfern der Weltkriege 1914–18 und 1939–45 mit dem Text „Sie starben, damit wir leben“.
Entwicklung und Nutzungsphasen
Verwaltungszentrum: Bis zur kommunalen Neugliederung im Jahr 1975, bei der Norf nach Neuss eingegliedert wurde, diente das Gebäude als Sitz der Gemeindeverwaltung.
Polizeiwache: Seit 1975 wird das Erdgeschoss als Polizeiwache genutzt.
Denkmalschutz: Aufgrund seiner Bedeutung für die Orts- und Siedlungsgeschichte wurde das Gebäude im Jahr 2007 offiziell in die Denkmalliste der Stadt Neuss aufgenommen.
Sanierung (2015–2019): Nach einer Phase des Verfalls und Verkaufsüberlegungen wurde das Gebäude ab 2015 umfassend saniert. Die Arbeiten umfassten unter anderem die Instandsetzung des Balkons und des Eingangsbereichs sowie eine Generalsanierung.
Geschichte
Die Geschichte des ehemaligen Rathauses von Norf ist eng mit den politischen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts verknüpft und weist einige bemerkenswerte Details auf:
Fremdeinquartierungen und Kriegsfolgen
- Militärische Nutzung: Nach dem Ersten Weltkrieg kam es bis zum Jahr 1936 immer wieder zu Fremdeinquartierungen im Gebäude. Dies war eine erhebliche Belastung für die damals noch kleine Gemeinde Norf, die erst kurz zuvor (1913) ihr neues Verwaltungszentrum bezogen hatte.
- Ende der Selbstverwaltung: Durch das nationalsozialistische Gemeindegesetz von 1935 verlor das Rathaus faktisch seine Funktion als Ort bürgerlicher Selbstverantwortung, da die kommunale Selbstverwaltung stark ausgehöhlt wurde.
Die Zäsur von 1975
Vom Rathaus zur Polizeiwache: Mit der kommunalen Neugliederung am 1. Januar 1975 verlor Norf seine Eigenständigkeit an die Stadt Neuss. Das Gebäude war damit kein echtes „Rathaus“ mehr. Bemerkenswert ist, dass bereits im selben Jahr die Polizei das Erdgeschoss bezog, was dem Haus bis heute eine Sonderrolle im Stadtteil verleiht.
Bedrohung durch Verfall und Verkauf
- Abgelehntes Sanierungsprojekt (2007): Bevor das Gebäude 2007 unter Denkmalschutz gestellt wurde, gab es Bestrebungen der Stadtverwaltung, das Objekt zu verkaufen. Grund war der marode Zustand (ein Balkon musste bereits abgestützt werden) und die damals auf 1,4 Millionen Euro geschätzten Sanierungskosten, die der Verwaltung als zu hoch erschienen.
- Rettung durch Denkmalschutz: Erst die Eintragung in die Denkmalliste im Jahr 2007 sicherte den Erhalt des Gebäudes als historisches Zeugnis der ehemaligen Ortslage.
Heutige Nutzung
Nach der Wiedereröffnung im Juli 2019 beherbergt das „neue“ Alte Rathaus verschiedene Institutionen:
Bürgerservice: Eine Nebenstelle der Stadtverwaltung Neuss.
Sicherheit: Ein Stützpunkt der Polizei.
Kultur: Der Heimatverein Norf e.V. hat dort Räumlichkeiten für ein eigenes Museum erhalten, in dem historische Fotos des Gebäudes und der Umgebung ausgestellt werden.
Weitere Ämter: In der zweiten Etage sind zeitweise die Bodendenkmalpflege und das Rheinische Straßenbauamt untergebracht gewesen.
