Neuss blickt auf eine beeindruckende mittelalterliche Geschichte zurück, die vor allem durch seine strategische Lage am Rhein und seine religiöse Bedeutung geprägt war. Als eine der ältesten Städte Deutschlands entwickelte sich Neuss im Mittelalter zu einem mächtigen religiösen Zentrum und einer wehrhaften Festung.
Mittelalter
Religiöse Bedeutung und das Quirinusmünster
Im Hochmittelalter wurde Neuss zu einem bedeutenden Wallfahrtsort.
Quirinusmünster: Die im 13. Jahrhundert (1209–1230) errichtete Basilika beherbergt die Reliquien des Heiligen Quirinus von Neuss. Dies machte die Stadt zu einem der wichtigsten Pilgerziele im Rheinland, was Handel und Wohlstand förderte.
Stiftshof: Die Stadt war eng mit dem Erzbistum Köln verbunden und diente oft als wichtiger Stützpunkt für die Kölner Erzbischöfe.

Die Belagerung von Neuss (1474–1475)
Die Belagerung von Neuss (1474–1475) war einer der folgenreichsten militärischen Konflikte des Spätmittelalters. Sie gilt als klassisches Beispiel für den Übergang von mittelalterlichen Verteidigungsstrategien zur modernen Kriegsführung.
Der Ausbruch: Die Kölner Stiftsfehde
- Hintergrund: Im Zuge der Kölner Stiftsfehde unterstützte Karl den abgesetzten Erzbischof Ruprecht von der Pfalz.
- Zwei Bischöfe: Das Domkapitel erklärte Ruprecht für abgesetzt und ernannte Hermann von Hessen zum Gegenbischof.
- Der Auslöser: Nach dem Tod des Kölner Erzbischofs wurde Ruprecht von der Pfalz gewählt. Er geriet jedoch schnell in Streit mit dem Domkapitel über die Verfassung und Rechte der Kirche.
- Burgund greift ein: Ruprecht suchte Unterstützung bei Karl dem Kühnen, dem Herzog von Burgund. Karl sah darin die Chance, seinen Einfluss am Niederrhein massiv auszuweiten und sein Territorium zu vergrößern.
- Verlauf der Belagerung
- Im Juli 1474 rückte Karl der Kühne mit dem damals modernsten und mächtigsten Heer Europas vor die Tore von Neuss.
- Hermann von Hessen: Als Verteidiger in der Stadt organisierte er den Widerstand der Bürger und Soldaten gegen die Übermacht.
- Verteidigung: Die Neusser nutzten ihre massiven Stadtmauern und das Obertor effektiv aus. Trotz heftigen Beschusses durch burgundische Artillerie hielten die Befestigungen stand. Die Neusser Bürger leisteten fast ein Jahr lang (über 10 Monate) erfolgreich Widerstand gegen eines der modernsten Heere der damaligen Zeit.
- Belohnung: Kaiser Friedrich III. war so beeindruckt, dass er Neuss 1475 mit zahlreichen Privilegien ausstattete, darunter das Recht, die kaiserliche Krone im Stadtwappen zu führen und alle Rechte einer Hansestadt zu genießen.
Das Ende und die Folgen
Die Belagerung endete im Mai 1475, als ein Reichsheer unter Kaiser Friedrich III. heranzog und Karl den Kühnen zum Abzug zwang.
- Kaiserliche Belohnung: Dankbar für den heldenhaften Widerstand verlieh der Kaiser Neuss 1475 außergewöhnliche Privilegien.
- Hanse-Status: Neuss erhielt offiziell das Recht, alle Vorzüge einer Hansestadt zu genießen, obwohl es kein Gründungsmitglied war.
- Wappenrecht: Die Stadt durfte fortan die kaiserliche Krone über ihrem Wappen führen – eine Ehre, die bis heute im Stadtwappen von Neuss sichtbar ist.
Spuren dieser Zeit sind im Clemens Sels Museum oder am historischen Obertor zu besichtigen.

Stadtbild und Befestigung
Die mittelalterliche Struktur ist auch heute noch in der Neusser Innenstadt erkennbar.
Obertor: Als eines von ehemals sechs gewaltigen Stadttoren ist das Obertor (um 1200) ein herausragendes Beispiel für die Wehrhaftigkeit der Stadt.
Stadtmauer: Die massive mittelalterliche Befestigung war entscheidend für den Erfolg gegen die Burgunder.
Das Zeughaus: Ein weiteres historisches Gebäude, das ursprünglich Teil der mittelalterlichen Infrastruktur war.

Hanse
Wirtschaft und Hanse
Obwohl Neuss kein klassisches Gründungsmitglied der Städtehanse war, profitierte die Stadt enorm von ihrem Status als Handelsplatz für Getreide und Tuch. Durch das kaiserliche Privileg von 1474 erhielt Neuss offiziell den Status einer Hansestadt. Neuss trat dem Hansebündnis offiziell im Jahr 1475 bei, nachdem Kaiser Friedrich III. der Stadt aufgrund ihrer Standhaftigkeit bei der Belagerung durch Karl den Kühnen weitreichende Privilegien und den Titel „Freie Reichsstadt“ verliehen hatte. Die Neusser Hansezeit endete faktisch mit dem Niedergang des Bündnisses im 17. Jahrhundert.
