In Neuss (bis 1968 Neuß) markierte die Zeit des Nationalsozialismus eine Zäsur, die von der systematischen Gleichschaltung, der Verfolgung religiöser und politischer Minderheiten sowie massiver Zerstörung im Zweiten Weltkrieg geprägt war.
Nationalsozialismus
Machtergreifung und Gleichschaltung
Wie in vielen deutschen Städten etablierte die NSDAP auch in Neuss ab 1933 rasch ihre Kontrolle. Ein symbolträchtiger Akt dieser Zeit war die Verleihung der Ehrenbürgerwürde an Adolf Hitler, Joseph Goebbels und Paul von Hindenburg im Jahr 1933. Während Hitlers Ehrenbürgerschaft 1945 erlosch, wurde sie Hindenburg erst 2022 offiziell aberkannt. Lokale Institutionen wurden im Zuge der „Gleichschaltung“ auf Linie gebracht, um jegliche Opposition zu eliminieren.
In Neuss war die Verwaltung während der NS-Zeit durch einen schnellen Austausch der Führungselite und die strikte Durchsetzung des Führerprinzips geprägt.
Die Oberbürgermeister von Neuss (1933–1945)
Die Stadtführung wechselte von demokratisch legitimierten Vertretern der Zentrumspartei hin zu überzeugten Nationalsozialisten:
- Wilhelm Henrichs (Zentrum, 1930–1934): Henrichs war bereits vor der Machtergreifung im Amt. Obwohl er zunächst im Amt blieb, wurde sein Handlungsspielraum durch die NSDAP massiv eingeschränkt, bis er 1934 endgültig verdrängt wurde.
- Wilhelm Gelberg (NSDAP, 1934–1938): Er übernahm die Leitung der Stadt als erster NSDAP-Oberbürgermeister und trieb die ideologische Ausrichtung der Verwaltung voran.
- Wilhelm Tödtmann (NSDAP, 1938–1945): Er führte die Stadt durch die Jahre des Zweiten Weltkriegs bis zum Einmarsch der US-Truppen im März 1945.
Umgestaltung der Verwaltung
Die Verwaltung wurde nach 1933 systematisch „gleichgeschaltet“, um Widerstände gegen das NS-Regime zu eliminieren:
- Deutsche Gemeindeordnung (1935): Mit diesem Gesetz wurde die kommunale Selbstverwaltung faktisch abgeschafft. Der Oberbürgermeister unterstand nun direkt den Weisungen der NSDAP-Gauleitung (Gau Düsseldorf).
- Personalpolitik: Beamte und Angestellte, die dem Regime kritisch gegenüberstanden oder nach den Nürnberger Gesetzen als „nicht-arisch“ galten, wurden aus dem Dienst entfernt.
- Ratsherren: Die demokratischen Wahlen zum Stadtrat wurden durch ein System ersetzt, in dem „Ratsherren“ lediglich als beratendes Gremium fungierten und vom NSDAP-Beauftragten ernannt wurden.
Nach dem Einzug der Amerikaner 1945 wurde die NS-Führung sofort abgesetzt und Josef Nagel als kommissarischer Oberbürgermeister eingesetzt, um den demokratischen Neuaufbau einzuleiten.
Verfolgung und jüdisches Leben
Die jüdische Gemeinde in Neuss, die tief in der Stadtgeschichte verwurzelt war, wurde Opfer systematischer Entrechtung.
- Pogromnacht 1938: In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden auch in Neuss jüdische Wohnungen und Geschäfte verwüstet. Die Synagoge an der Promenadenstraße wurde geschändet und zerstört.
- Deportation: In den Folgejahren wurden die verbliebenen Neusser Juden in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert, was das Ende des jüdischen Lebens in der Stadt bedeutete.
Die Geschichte der Verfolgung und des jüdischen Lebens in Neuss ist eine Chronik von der jahrhundertelangen Verwurzelung hin zur systematischen Vernichtung.
Jüdisches Leben vor 1933
Jüdische Bürger waren über Jahrhunderte ein fester Bestandteil der Neusser Stadtgesellschaft.
- Wirtschaft und Gesellschaft: Viele Familien betrieben erfolgreiche Unternehmen, wie etwa die Krawattenfabrik von Albert Joseph an der Rheinwallstraße. Sie waren als Händler, Handwerker und Akademiker voll integriert und fühlten sich als deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens.
- Religiöses Zentrum: Die 1867 eingeweihte Synagoge an der Promenadenstraße war das stolze Symbol einer wachsenden Gemeinde, die um 1933 noch etwa 230 Mitglieder zählte.

Die schrittweise Entrechtung (1933–1938)
Sofort nach der Machtergreifung begann die systematische Ausgrenzung:
- Boykotte: Am 1. April 1933 wurden auch in Neuss jüdische Geschäfte und Arztpraxen boykottiert.
- Berufsverbote: Durch das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ verloren jüdische Neusser im öffentlichen Dienst ihre Stellen.
- Soziale Isolation: Die Nürnberger Gesetze von 1935 entzogen ihnen die Bürgerrechte und untersagten den privaten Kontakt zu nicht-jüdischen Nachbarn.
Der Wendepunkt: Die Pogromnacht 1938
Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 markierte den Übergang von Diskriminierung zu offener Gewalt:
- Zerstörung der Synagoge: SA-Trupps setzten die Synagoge in Brand. Die Feuerwehr war vor Ort, durfte aber laut Befehl nur die umliegenden „arischen“ Häuser schützen, während das Gotteshaus bis auf die Grundmauern ausbrannte.
- Gewalt in der Stadt: Schaufenster jüdischer Läden wurden zertrümmert, Wohnungen geplündert und zahlreiche Männer in „Schutzhaft“ genommen und zeitweise in Konzentrationslager wie Dachau verschleppt.
Deportation und Ermordung
Ab 1941 gab es für die verbliebenen Juden keinen Ausweg mehr:
- Die erste Deportation: Am 26. Oktober 1941 wurden die ersten 24 jüdischen Neusser, darunter die Tochter des Viehhändlers David Mayer, mit der Straßenbahn nach Düsseldorf und von dort in das Ghetto Lodz (Litzmannstadt) deportiert.
- Weitere Ziele: Spätere Transporte führten in die Vernichtungslager von Auschwitz, Sobibor oder in das Ghetto Theresienstadt.
- Bilanz des Grauens: Nur sehr wenige der deportierten Neusser Juden überlebten den Holocaust. Die einst blühende Gemeinde wurde vollständig ausgelöscht.

Benno Nussbaum, letzter Hazzan (Kantor) der „Alten Synagoge“ Neuss. Während des Holocaust im Ghetto von Riga getötet.
Gedenken heute
Heute erinnern zahlreiche Mahnmale in Neuss an diese Zeit:
Synagogenplatz: Der Ort der zerstörten Synagoge an der Promenadenstraße dient heute als zentrale Gedenkstätte für die Opfer der Pogromnacht.
Stolpersteine: Über das Stadtgebiet verteilt erinnern Stolpersteine vor den ehemaligen Wohnhäusern an Einzelschicksale wie das von Selma Mayer oder Emil Lehmann.
Der Zweite Weltkrieg in Neuss
Aufgrund seiner strategischen Lage am Rhein und seiner Industrie (z. B. Ölmühlen und Hafen) wurde Neuss zu einem häufigen Ziel alliierter Angriffe.
- Luftangriffe: Zwischen 1940 und 1945 gab es insgesamt 136 Luftangriffe auf die Stadt.
- Opferzahlen: 837 Menschen verloren dabei ihr Leben, darunter 576 Deutsche und 261 Ausländer (viele davon Zwangsarbeiter, denen der Zugang zu Schutzbunkern oft verwehrt blieb).
- Zerstörung: Die historische Bausubstanz litt massiv; von rund 6.700 Wohngebäuden war ein erheblicher Teil zerstört oder schwer beschädigt.
Widerstand
In Neuss war der Widerstand gegen das NS-Regime – wie in vielen Städten – kein Massenphänomen, sondern konzentrierte sich auf Einzelpersonen und kleine Gruppen. Das Kriegsende im März 1945 verlief für die Stadt dramatisch, aber vergleichsweise schnell.
Obwohl die breite Masse der Bevölkerung mit dem Regime kooperierte, gab es Formen des individuellen Widerstands, etwa durch das heimliche Versorgen von Zwangsarbeitern mit Lebensmitteln. Das Ende der NS-Zeit kam für Neuss im März 1945 mit dem Einmarsch amerikanischer Truppen, was den Beginn des mühsamen Wiederaufbaus markierte.
Widerstand in Neuss
Der Widerstand war vielschichtig und reichte von politischer Opposition bis hin zu religiös motivierter Zivilcourage:
- Politischer Widerstand: Vor 1933 war Neuss eine Hochburg des Zentrums und der KPD. Nach dem Verbot dieser Parteien arbeiteten Aktivisten im Untergrund weiter. Mutige Bürger verteilten Flugblätter oder hielten geheime Treffen ab, wurden jedoch oft von der Gestapo verhaftet und in Konzentrationslager (wie das nahegelegene KZ Börgermoor) gebracht.
- Kirchlicher Widerstand: Da Neuss tief katholisch geprägt war, gab es Spannungen zwischen der Kirche und der NSDAP. Geistliche wie Oberpfarrer Joseph Geller von St. Quirin versuchten, den christlichen Einfluss gegen die NS-Ideologie zu verteidigen. Er wurde mehrfach verhört und schikaniert.
- Zivilcourage: Es gab Neusser, die unter Lebensgefahr Zwangsarbeitern halfen oder jüdische Mitbürger versteckten. Ein bekanntes Beispiel ist die Hilfe für die Familie des Viehhändlers Mayer, denen einige Nachbarn trotz drohender Strafen beistanden.
- Edelweißpiraten: Auch in Neuss gab es Jugendliche, die sich der HJ-Diktatur entzogen, verbotene Lieder sangen und sich durch Kleidung und Verhalten gegen das Regime auflehnten.
Die letzten Kriegstage (März 1945)
Während das Ruhrgebiet noch umkämpft war, erreichte die Front Neuss bereits Anfang März 1945:
- Operation Lumberjack: US-Truppen der 83. Infanteriedivision rückten von Westen (Richtung Mönchengladbach) auf Neuss vor.
- Die Einnahme der Stadt: Am 1. und 2. März 1945 wurde Neuss von den Amerikanern besetzt. Im Vergleich zu Städten wie Köln oder Düsseldorf gab es im Stadtzentrum nur geringen militärischen Widerstand, da viele deutsche Einheiten sich bereits über den Rhein zurückgezogen hatten.
- Sprengung der Rheinbrücke: Am Morgen des 2. März 1945 sprengten deutsche Pioniere die Rheinbrücke (heute Josef-Kardinal-Frings-Brücke), um den Vormarsch der Alliierten nach Düsseldorf zu stoppen. Neuss war damit vom rechtsrheinischen Gebiet abgeschnitten.
Bilanz und Befreiung
Mit dem Einmarsch der US-Soldaten endete für Neuss die NS-Herrschaft zwei Monate vor der allgemeinen Kapitulation Deutschlands.
- Zerstörungsgrad: Neuss war zu diesem Zeitpunkt zu etwa 40 bis 50 % zerstört. Besonders die Hafenindustrie und die Innenstadt rund um das Quirinus-Münster waren schwer getroffen.
- Neuanfang: Die US-Militärregierung setzte sofort Nationalsozialisten ab. Der erste von den Alliierten ernannte Bürgermeister war Josef Nagel, der die Mammutaufgabe hatte, die Trümmerräumung und die Versorgung der hungernden Bevölkerung zu organisieren.
