ca. 1794 bis 1814

Die „napoleonische Zeit“ in Neuss
Die „napoleonische Zeit“ in Neuss (ca. 1794 bis 1814) war eine Ära des radikalen Umbruchs, in der die Stadt von einer mittelalterlich geprägten kurkölnischen Landstadt zu einem Teil des modernen französischen Staates wurde.
Politische und gesellschaftliche Neuordnung
Französische Besatzung: Neuss wurde bereits 1794 von französischen Revolutionstruppen besetzt und 1801 im Frieden von Lunéville offiziell dem französischen Staatsgebiet eingegliedert.
Verwaltungsreform: Die Stadt wurde zum Hauptort eines Kantons im Département de la Roer mit Sitz in Aachen. Französisch wurde zur Amts- und Gerichtssprache.
Code Civil: Mit der Einführung des Code Napoléon wurden die Gleichheit vor dem Gesetz, die Trennung von Kirche und Staat (Säkularisation) und die Gewerbefreiheit festgeschrieben.
Infrastruktur und Wirtschaft
- Säkularisation: Klöster wurden aufgelöst und Kirchengüter verstaatlicht. Dies führte zu massiven Veränderungen im Stadtbild und in der sozialen Fürsorge.
- Rheinische Mentalität: Historiker vermuten, dass der ständige Wechsel der Herrschaften in dieser Zeit das „rheinische Grundgesetz“ („Et kütt, wie et kütt“) und einen gewissen Gleichmut gegenüber der Obrigkeit festigte.
- Napoleons Besuch: Napoleon selbst besuchte die Region und besichtigte 1804 und 1809 die Baustellen des Nordkanals in Neuss.
Die französische Herrschaft endete 1814 mit dem Einzug verbündeter Truppen; im Jahr 1815 wurde Neuss durch den Wiener Kongress Teil des Königreichs Preußen.
Nordkanal

Der Nordkanal in Neuss ist ein faszinierendes Relikt der napoleonischen Zeit. Ursprünglich als Teil des gewaltigen „Grand Canal du Nord“ geplant, sollte er den Rhein bei Neuss mit der Maas und der Schelde (Antwerpen) verbinden.
Bau
- Napoleons Vision: Napoleon Bonaparte gab 1804 den Befehl zum Bau, um den Seehandel unter Umgehung der von den Niederländern kontrollierten Rheindeltas direkt nach Antwerpen zu leiten.
- Baubeginn: Die Arbeiten starteten 1808. Es war ein Mammutprojekt mit einer geplanten Breite von 22 Metern.
- Abbruch: Als Frankreich 1810 die Niederlande annektierte, verlor der Kanal seinen strategischen Zweck und der Bau wurde eingestellt. Er wurde nie vollständig schiffbar fertiggestellt.
Historischer Kontext und Strategie
Napoleon Bonaparte verfolgte mit dem Grand Canal du Nord ein klares Ziel: Er wollte den Warenverkehr von den britisch kontrollierten Häfen und den niederländischen Rheinzöllen abschneiden.
- Wirtschaftskrieg: Der Kanal sollte den Rhein bei Neuss direkt mit der Maas bei Venlo und weiter mit Antwerpen verbinden, um eine französisch kontrollierte Handelsroute zur Nordsee zu schaffen.
- Abbruch des Projekts: Als Frankreich 1810 das Königreich Holland annektierte, entfiel die Notwendigkeit einer Umgehung des Rheindeltas. Der Bau wurde daraufhin eingestellt; zu diesem Zeitpunkt waren etwa ein Drittel der Strecke und wichtige Schleusenbauwerke bereits fertiggestellt.
Technische Glanzleistung
Das markanteste Detail in Neuss ist das Epanchoir (Wasserkreuzungsbauwerk), das 1809 an der Kreuzung von Nordkanal und Obererft errichtet wurde.

Das Epanchoir
- Funktion: Es diente der Regulierung der Pegelstände. Da der Nordkanal höher lag als die Erft, mussten Ingenieure ein System entwickeln, um das Wasser der Erft unter dem Kanal hindurchzuführen oder kontrolliert in diesen einzuleiten.
- Architektur: Das Bauwerk besteht aus massivem Quadermauerwerk. Nachdem es lange Zeit verschüttet war, wurde es zwischen 2015 und 2017 aufwendig freigelegt und rekonstruiert. Es kann heute im Rahmen von Führungen beim Epanchoir Neuss besichtigt werden.
Heutige Spuren im Stadtbild
Obwohl der Kanal nie schiffbar war, prägt er das Neusser Stadtbild bis heute:
- Kanalverlauf: An der Nordkanalallee und dem Scheibendamm ist das einstige Kanalbett noch als deutliche Vertiefung erkennbar.
- Kanalwärterhaus: An der Stelle der geplanten zweiten Schleuse steht ein gut erhaltenes Kanal- und Brückenwärterhaus, das als Baudenkmal an die Verwaltung des Bauprojekts erinnert.
- Fietsallee am Nordkanal: Ein grenzüberschreitender Radweg (ca. 100 km) folgt der historischen Trasse und ist durch ein markantes blaues Band am Boden sowie Informationstafeln gekennzeichnet.
Industrielle Bedeutung nach Napoleon
Nach dem Abzug der Franzosen wurde der Kanal für die Neusser Industrie wichtig. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dienten Teilstücke als Wasserreservoir für Fabriken, was die industrielle Entwicklung der Stadt maßgeblich unterstützte.
