Mühlenturm
Der Neusser Mühlenturm ist eines der markantesten Wahrzeichen der Stadt Neuss. Er blickt auf eine über 600-jährige Geschichte zurück, in der er vom strategischen Wehrturm zum Gefängnis und schließlich zum Wasserspeicher wurde.

Bau und Architektur
- Konstruktion: Er ist unmittelbar in die Stadtmauer integriert. Der untere Sockel besteht aus Trachyt, während der aufgehende Teil aus Basalt und Tuffstein gemauert wurde.
- Maße: Mit einer Höhe von etwa 35 Metern und mächtigen Mauern war er ein massives Bollwerk zum Schutz der Stadt.
Funktionswandel:
- Mittelalter: Wehrturm und Windmühle. Er ist bereits auf einem Holzschnitt von 1477 mit seinem charakteristischen kegelförmigen Dach und großen Mühlenflügeln zu sehen.
- 1883: Umbau zum Wasserturm. Die Stadtwerke nutzten ihn über 100 Jahre lang als zentralen Wasserspeicher, bis er 1991 außer Betrieb ging.
Geschichten und Legenden
Neben seiner Rolle als Wehrturm und Wasserspeicher ranken sich um den Neusser Windmühlenturm (auch Mühlenturm genannt) und die angrenzenden Befestigungsanlagen einige düstere und kuriose Erzählungen.
Geschichten und Legenden: Die Belagerung von Neuss
Die wohl bedeutendste Episode der Stadtgeschichte, in der auch die Befestigungsanlagen wie der Mühlenturm eine zentrale Rolle spielten, ist die Belagerung durch Karl den Kühnen (1474/75).
Der „Held“ von Neuss: Die Stadt widersetzte sich fast ein Jahr lang einer der bestorganisierten Armeen der damaligen Zeit. Karl der Kühne versuchte sogar, die Stadtgräben trockenzulegen, um die Mauern stürmen zu können.
Gefängnis und Ausbruch: Vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert diente der Turm auch als Stadtgefängnis. Eine berühmte Geschichte ist die des Räubers Matthias Weber, genannt „Der Fetzer“. Im Jahr 1796 gelang ihm eine spektakuläre Flucht aus dem Turm, nachdem er zuvor Teile des Stadtschatzes aus dem Rathaus geraubt hatte.

Die spektakuläre Flucht des „Fetzers“
Die bekannteste kriminelle Geschichte des Turms ist die des Räubers Matthias Weber, besser bekannt als „Der Fetzer“.
Der Coup: Zusammen mit seinen Komplizen brach er 1796 in das Neusser Rathaus ein und raubte Teile des wertvollen Stadtschatzes.
Das Gefängnis: Nach seiner Festnahme wurde er im Mühlenturm eingekerkert, der zu dieser Zeit als Stadtgefängnis diente.
Der Ausbruch: In einer spektakulären Aktion gelang ihm 1796 die Flucht aus dem massiven Bauwerk. Er gilt bis heute als einer der berüchtigtsten Insassen der Neusser Stadtgeschichte.
Heutige Bedeutung
Heute ist der Turm ein geschütztes Baudenkmal. Nach seiner Stilllegung als Wasserspeicher suchte die Stadt Neuss zeitweise nach neuen Nutzungskonzepten. Er ist Teil des historischen Rundgangs „Neuss historisch“ und kann im Rahmen von Führungen oder Audiotouren erkundet werden.
Düstere Legenden und Gruselführungen
Der Mühlenturm ist heute fester Bestandteil von Gruselführungen durch das mittelalterliche Neuss.
Dunkle Geschichten: In lokalen Sagensammlungen wie „Dunkle Geschichten aus Neuss“ wird der Turm oft im Zusammenhang mit modrigen Kellergewölben und finsteren Räubergestalten erwähnt.
Verwechslungsgefahr mit dem Blutturm: Oft werden Legenden des nahegelegenen Blutturms mit dem Mühlenturm vermischt. So wird die Geschichte der vermeintlichen Hexe Hester Jonas, die 1635 gefoltert und hingerichtet wurde, eigentlich dem Blutturm zugeordnet, prägt aber die allgemeine Atmosphäre der alten Neusser Wehrtürme.
Kuriositäten der Neuzeit
Geistersuche: Der Turm zieht auch moderne Mythenjäger an. So gab es in der Region (etwa im nahen Geldern oder bei Gruseltouren in Neuss) immer wieder Berichte über „Geistersuchen“ an historischen Mühlentürmen.
Ein Turm zu verschenken: Eine fast unglaubliche, aber wahre Geschichte aus der jüngeren Vergangenheit (2004) ist, dass die Neusser Stadtwerke den Turm tatsächlich verschenken wollten. Bedingung war ein tragfähiges Nutzungskonzept, um das 35 Meter hohe Denkmal zu erhalten.
Historischer Kontext: Die Unbezwingbarkeit
Die größte „Legende“ des Turms ist seine Beständigkeit während der Belagerung von Neuss (1474/75). Er symbolisiert den Widerstand gegen Karl den Kühnen, dessen Armee trotz modernster Belagerungstechnik fast ein Jahr lang an der Stadtmauer und ihren Türmen scheiterte.
In der Neusser Stadtgeschichte gibt es tatsächlich hartnäckige Legenden über ein weitverzweigtes Netz von unterirdischen Geheimgängen, die den Mühlenturm, den Blutturm und andere Befestigungen verbinden sollen.
