Kehlturm
Der Kehlturm in Neuss ist der letzte erhaltene Rundturm der mittelalterlichen Stadtbefestigung und ein bedeutendes historisches Denkmal am Ostrand der Stadt.
Architektur
- Ursprung: Der Turm wurde zu Beginn des 14. Jahrhunderts als Teil des äußeren Stadtmauerrings errichtet.
- Namensgebung: Sein Name leitet sich von der „Kehl“ (oder „Kalle“) ab, einem verlandeten Seitenarm des Rheins, der an dieser Stelle in den Erftkanal mündete.
- Bauweise: Mit einem Durchmesser von zwölf Metern und einer Mauerstärke von zwei Metern war er ein massives Bollwerk.
- Funktion: Er diente als Batterieturm und Bastion, um den darunter liegenden Schiffsanlegeplatz sowie den Zufluss der Kehl zu überwachen und zu schützen.

Dimensionen und Struktur
Oberer Abschluss: Den oberen Abschluss bildet eine Plattform, die auf einem stabilen Backsteingewölbe ruht.
Durchmesser: Der Turm besitzt einen stattlichen Durchmesser von zwölf Metern.
Wandstärke: Die massiven Mauern sind zwei Meter dick, was ihn zu einem der widerstandsfähigsten Bollwerke der Stadtmauer machte.
Etagen: Das Bauwerk ist vermutlich zweigeschossig angelegt. Heute ist jedoch nur das Obergeschoss teilweise über dem Erdreich sichtbar, da der Turm nach dem Zweiten Weltkrieg verschüttet war.
Materialien und Funktion
- Mauerwerk: Während benachbarte Türme wie der Blutturm oft aus Basalt und Tuff bestehen, ist der Kehlturm als mächtiger Rundturm aus Naturstein und Backstein gefertigt, um schweren Geschützen standzuhalten.
- Geschützbastion: In späterer Zeit wurde der ursprünglich als reiner Wehrturm errichtete Bau mit Geschützen ausgestattet. Er diente als Bastion zum Schutz des Schiffsanlegeplatzes und der Kehl-Mündung.
- Restaurierung: Im Zuge der Errichtung des Romaneums im Jahr 2017 wurde der Turm umfassend saniert und der erhaltene Stadtmauerabschnitt freigelegt, um die historische Situation am Ostrand der Stadt wieder erlebbar zu machen.
Geschichte
Geschichten und Sagen rund um den Kehlturm und seine Umgebung.
1. Die Belagerung als „Heldensage“
Die Belagerung von Neuss (1474–1475) durch Karl den Kühnen wird oft als eine Art reale Heldensage beschrieben.
- Der Widerstand: Eine kleine Stadt trotzte fast ein Jahr lang dem mächtigsten Heer seiner Zeit.
- Der Stadtschreiber: Der Zeitzeuge Christian Wierstraet hielt die Ereignisse fest. Heute schlüpft der Neusser Helmut Wessels bei Gruselführungen in dessen Rolle, um mit Laterne bewaffnet die „unheimlichen“ Geschichten der Belagerungszeit am Kehlturm und anderen Wehranlagen zu erzählen.
2. Der „Folterstuhl“ und dunkle Geheimnisse
Obwohl der Kehlturm primär zur Verteidigung diente, beherbergt er heute eine Rekonstruktion eines mittelalterlichen Folterstuhls.
- Gruselführungen: Er ist regelmäßiger Schauplatz von Führungen, die sich mit den „Grausamkeiten“ des Mittelalters befassen.
- Verwechslungsgefahr: Viele Sagen (wie die der als Hexe hingerichteten Hester Meurer) beziehen sich eigentlich auf den nahen Blutturm, werden aber aufgrund der ähnlichen Atmosphäre oft im Kontext der gesamten Befestigungsanlagen, inklusive des Kehlturms, erzählt.
3. Moderne Sagen: Kunst und Mahnung
Der Künstler Wilfried Werbitzky hat den Turm mit Installationen wie „Aleppo“ und „Guantanamo“ besetzt. Diese Werke werden heute wie „moderne Legenden“ genutzt, um die dunkle Geschichte des Turms mit aktuellem Weltgeschehen zu verknüpfen und dem Ort eine mystische, mahnende Aura zu verleihen.
4. Der Name „Kehl“ – Ein verschwundener Fluss
Die Sage vom „verlorenen Rheinarm“: Der Turm wacht über eine Landschaft, die es so nicht mehr gibt. Der Name leitet sich von der „Kehl“ (oder „Kalle“) ab, einem verlandeten Seitenarm des Rheins. Geschichten aus dem 19. Jahrhundert erzählen von der Zeit, als der Turm noch direkt am Wasser stand und als Aussichtspunkt für das benachbarte Alexianerkloster diente.
Ausführlichere „schwarze Chroniken“ finden sich in dem lokal bekannten Buch Dunkle Geschichten aus Neuss von Birgit Wilms.
Entwicklung bis heute
- Zerstörung & Freilegung: Im Zweiten Weltkrieg wurde das umliegende Gelände zerstört und der Turm verschüttet. Nur der obere Teil blieb sichtbar, bis er später wieder teilweise freigelegt wurde.
- Restaurierung: Im Jahr 2017 wurde der Kehlturm im Zuge des Neubaus des Romaneums restauriert und für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
- Heutige Nutzung: Im Inneren befinden sich heute Kunstinstallationen des Neusser Künstlers Wilfried Werbitzky (z. B. „Aleppo“ und „Guantanamo“) sowie die Rekonstruktion eines mittelalterlichen Folterstuhls.
- Bronzemodell: Vor dem Turm steht ein Bronzemodell des Künstlers Michael Franke, das die mittelalterliche Situation der Stadtbefestigung anschaulich erklärt.
Der Turm kann heute im Rahmen von Stadtführungen besichtigt werden.
