Der Blutturm in Neuss ist einer der wenigen erhaltenen Verteidigungstürme der mittelalterlichen Stadtbefestigung aus dem 13. Jahrhundert. Er liegt an der Promenadenstraße am Rande des Stadtgartens und ist als halbrunder Turm aus Basalt und Tuffstein erbaut.
Blutturm

Historische Bedeutung und Legenden
Die „Hexe von Neuss“: Eine bekannte Legende besagt, dass Hester Jonas (geb. Meurer) hier eingekerkert war. Sie wurde 1635 als Hexe angeklagt, gefoltert und am Weihnachtsmorgen hingerichtet. Ihre Prozessakten liegen noch heute im Stadtarchiv Neuss.
Stadtbefestigung: Der Turm war Teil der einst mächtigen Neusser Stadtmauer. An seiner Seite sind heute noch Reste der alten Mauer sowie stadtseitige Stützbögen zu sehen.
Gefängnis & Folter: Sein schauriger Name rührt von der vermuteten Nutzung als Gefängnis und Folterkammer in der Frühen Neuzeit her.
Nutzung im Wandel der Zeit
- 19. Jahrhundert: Nach dem Abriss der Stadtbefestigung diente er zunächst als Aussichtspunkt.
- Nachkriegszeit: Für etwa zehn Jahre (ca. 1945–1955) lebte und arbeitete der Neusser Dichter Karl Schorn im Turm.
- Moderne: Seit den 1980er Jahren wurde das Gebäude für die städtische Jugendarbeit genutzt. Aktuell gibt es Bestrebungen, den Turm als „lebendigen Ort der Stadtgeschichte“ neu zu beleben.
Spezifische Details
Der Blutturm ist ein bedeutendes Zeugnis der mittelalterlichen Wehrarchitektur von Neuss. Hier sind einige spezifische Details aus dieser Epoche:
Mittelalterliche Architektur & Bauweise
Baumaterialien: Der Turm wurde im 13. Jahrhundert aus einer markanten Kombination von Basalt und Tuffstein errichtet.
Bauform: Er ist als Halbrundturm konzipiert. Diese Türme waren in regelmäßigen Abständen in die Stadtmauer eingefügt und stadtseitig oft offen oder nur leicht geschlossen, um einem eingedrungenen Feind keinen Schutz zu bieten.
Stützkonstruktion: Einzigartig sind die noch erhaltenen stadtseitigen Mauerstützbögen direkt neben dem Turm. Auf diesen Bögen ruhte ursprünglich der Wehrgang, der die Verteidiger zu den verschiedenen Abschnitten der Mauer führte.
Verteidigung und Belagerung
- Teil eines Festungsgürtels: Neuss galt im Spätmittelalter als eine der am besten befestigten Städte des Reiches. Der Blutturm war ein strategischer Punkt in diesem Verteidigungsring.
- Belagerung durch Karl den Kühnen (1474/75): Obwohl der Turm die gewaltige Belagerung durch den Burgunderherzog überstand, markierte dieses Ereignis einen Wendepunkt. Archäologische Funde in der Nähe des Turms, wie Waffen und Ausrüstungsteile, zeugen noch heute von der Intensität dieses fast einjährigen Konflikts.
- Anpassung an Feuerwaffen: Während viele Türme im 15. Jahrhundert für die aufkommende Artillerie umgebaut wurden, behielt der Blutturm weitgehend seine mittelalterliche Grundsubstanz aus dem 13. Jahrhundert bei.
Ursprung des Namens
Obwohl der Name oft mit der Frühen Neuzeit (Hexenverfolgung) verbunden wird, liegen die Wurzeln für die Nutzung als Gefängnis und Folterkammer bereits im späten Mittelalter. In dieser Zeit wurden solche Türme oft als „Blut-„, „Angst-“ oder „Diebestürme“ bezeichnet, wenn sie der Hochgerichtsbarkeit dienten.
Geschichten und Legenden
Neben der bekannten Geschichte über Hester Jonas gibt es weitere Erzählungen und Aspekte, die den Blutturm umranken:
Das „peinliche Verhör“ und die Gruselgeschichten
Der Name „Blutturm“ beflügelt seit Jahrhunderten die Fantasie und inspiriert bis heute Romanautoren zu schaurigen Erzählungen.
Folterkammer: Historisch verbrieft ist, dass im Turm das sogenannte „peinliche Verhör“ stattfand. Dies war im mittelalterlichen Rechtswesen die Befragung unter Folter, um Geständnisse zu erzwingen.
Gruselführungen: Der Turm ist fester Bestandteil nächtlicher Stadtführungen, bei denen von den Leiden der Gefangenen und den grausamen Methoden der mittelalterlichen Justiz berichtet wird.
Der Dichter im Turm: Ein Kapitel Romantik
Eine eher friedliche, aber fast schon legendäre Geschichte ist die des Dichters Karl Schorn (1893–1971).
- In der entbehrungsreichen Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg (ca. 1945–1955) diente der Turm dem Neusser Schriftsteller als Wohn- und Arbeitsstätte.
- Dass ein Künstler in einem alten Verteidigungs- und Gefängnisturm hauste, verlieh dem Ort eine neue, fast romantische Bedeutung als Rückzugsort für Kreativität inmitten von Ruinen.
Die Legende der Unbesiegbarkeit
Obwohl es keine einzelne „Sage“ wie die der Loreley gibt, wird der Blutturm oft im Kontext der Belagerung von Neuss (1474/75) als Symbol für die Standhaftigkeit der Bürger genannt.
Die Tatsache, dass dieser Turm als einer der wenigen die Zerstörungen der Jahrhunderte und die radikale Schleifung der Stadtmauer im 19. Jahrhundert überdauerte, wird in Neuss oft als Zeichen für den „Neusser Dickkopf“ und den Überlebenswillen der Stadt gewertet.
Moderner Mythos: Die „Hexe“ als Symbol
Interessanterweise hat sich die Geschichte von Hester Jonas in neuerer Zeit von einer Schauergeschichte zu einem Symbol für Zivilcourage und das Gedenken an Justizopfer gewandelt. In Neuss wird sie heute nicht mehr als „Hexe“, sondern als Opfer eines grausamen Systems porträtiert, was dem Blutturm eine mahnende, fast heilige Aura verleiht.
